Achim Achilles | 09-2016

Ex-DFB-Physio Oliver Schmidtlein: "Mit verbesserter Koordination läuft man länger schnell"

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Ex-DFB-Physio Oliver Schmidtlein: "Mit verbesserter Koordination läuft man länger schnell" (+Gewinnspiel)

Um Bewegungen effizient auszuführen, muss man Koordinationstraining absolvieren – sagt Oliver Schmidtlein. Der Physiotherapeut und Athletiktrainer hat schon die Fußballer der deutschen Nationalmannschaft fit gemacht. Wie man seine Koordination auch ohne Trainer schult und körperliche Dsybalancen in den Griff kriegt, erklärt er im Interview.

Achim-Achilles.de: Herr Schmidtlein, warum ist Koordination für einen Athleten wichtig?

Oliver Schmidtlein: Durch Koordinationsübungen können Bewegungsmuster gezielt verbessert werden. Dabei ist stets die Bewegungskontrolle das oberste Ziel. Jede Bewegung soll planmäßig, effizient und nicht zufällig ausgeführt werden – selektives Bewegen sozusagen.

Bezogen auf die Leistungsfähigkeit – hat ein Athlet Vorteile davon, wenn er seine Bewegungsabläufe durch Koordinationstraining optimiert?

Natürlich. Über ein Koordinationstraining können Bewegungen, die ungünstig oder überflüssig für den eigentlichen Bewegungsauftrag sind abgestellt werden. Der Bewegungsablauf wird dadurch  ökonomischer.

Das bedeutet beispielsweise für das Laufen: Wenn das Bein nicht mehr ausweicht, weil die Sensomotorik an der unteren Extremität besser funktioniert, benötigen wir weniger Energie bei jedem Schritt. Eine bessere Koordination führt bei gleichen Stoffwechselbedingungen dazu, dass länger schnell gelaufen werden kann. Das entspricht einer Steigerung der Leistungsfähigkeit.

Stabilisationstraining muss sein

Wie viel Zeit sollte das Koordinationstraining vom Trainingsumfang einnehmen?

Bei einer Trainingseinheit von 60 Minuten sollte der Anteil koordinativer Übungen zehn bis 15 Prozent nicht überschreiten – also etwa zehn Minuten. Ob in einem Block oder in Summe über die Stunde verteilt, ist unerheblich. Nach meiner Erfahrung schätzen die wenigsten Athleten richtig ein, welchen positiven Einfluss das Koordinationstraining auf ihren Sport hat und setzen daher leider zu wenige Schwerpunkte im Training.

Zu welchem Zeitpunkt sollten Sportler das Koordinationstraining in das Training einbauen – vorher, nachher oder mittendrin?

Ich finde, es passt sehr gut ins Aufwärmprogramm. Wichtig ist, dass die Athleten körperlich fit und frisch sind, um die Übungen korrekt auszuführen.

Es empfiehlt sich daher, koordinative Inhalte möglichst in der ersten Hälfte des Trainings zu absolvieren. Unter bestimmten trainingsspezifischen Aspekten wäre die Ausführung auch am Trainingsende, sprich nach Ermüdung, möglich.

Viele Sportarten unterscheiden sich in ihren Bewegungsabläufen besonders im Hinblick auf die Komplexität. Für wen empfiehlt sich ein koordinatives Training?

Je komplexer die Sportart, desto höher ist der Stellenwert des Koordinationstrainings. Dann sind auch die koordinativen Inhalte, die trainiert werden müssen, komplexer.

Der Läufer, der nur geradeaus läuft – zwar mit hohem Anspruch, aber trotzdem nur geradeaus – führt normalerweise wesentlich weniger komplexe Koordinationsübungen aus als ein Spielsportler, der sich dreidimensional bewegt. Abstopp-, Dreh- oder Reaktionsbewegungen auf Gegner und Sportgeräte stellen koordinativ höhere Herausforderungen an die Motorik.

Koordinationstraining ohne Trainer

Wie trainiere ich meine Koordination denn am besten?

Wir haben in meiner Praxis gerade ein Balance-Board getestet, die MFT Challenge Disc 2.0. Da trainiere ich in erster Linie das Gleichgewicht und die Balancefähigkeit. Dabei geht es bei den Übungen nicht um einen einfachen Einbeinstand wie man ihn auf einem gewöhnlichen Kreisel macht, sondern um eine kontrollierte und aktive Bewegungsausführung.

Wie funktioniert so ein Gerät genau?

Es wird das gezielte Aus-dem-Gleichgewicht-Bewegen-und-Zurückführen in eine bestimmte geforderte Position geschult. Speziell für das Sprunggelenk empfinde ich das als absoluten Gewinn für das Training wie auch für die Behandlung am Patient.

Ist dieser Balance-Trainer nicht nur ein weiteres High-Tech-Gimmick?

Die klassischen Wackelbretter sind jedem bekannt. Bei der Disc finde ich den neuen Trainingsansatz gut, die direkte Feedbackfunktion und das Trainingsprogramm per App. Ich erkenne visuell über das Tablet, dass der Punkt nach links geht.

Schaffe ich es, dem Punkt in der vorgegeben Geschwindigkeit zu folgen, kann ich meinen Muskelapparat selektiv ansteuern. In dieser Form war Koordinationstraining bisher nur mit einem Coach möglich.

Birgt das nicht Gefahren, wenn man die Übungen ohne Trainer ausführt?

Nein. Häufig werden sensomotorische Übungen an eine vorgegebene Zeit gebunden, um zu überprüfen, wie gut man sie ausführt. Ist der Trainer in dieser Zeit nicht dauerhaft beim Athleten, kann er nicht überprüfen, ob dieser die Übungen in der vorhergesehenen Dauer ausgeführt hat oder nicht.

Die Challenge Disc übernimmt diese Aufgabe des Coachings und ermöglicht ein gezieltes Koordinationstraining für die untere Extremität, Rücken und Rumpf.

Für welche Sportarten ist so eine Disc hilfreich?

Das Trainingsprogramm der Challenge Disc 2.0 orientiert sich an statischen Übungen auf einem leichten bis moderaten Level. Deswegen eignet es sich auch für nahezu alle Sportarten. Die Grundlagen sollte jeder Sportler ausführen und beherrschen können.

 

Zur Person: Physiotherapeut Oliver Schmidtlein, Jahrgang 1965, war als Physiotherapeut und Athletiktrainer für die deutsche Fußballnationalmannschaft, dem FC Bayern München und dem TSV 1860 München tätig. Derzeit arbeitet er in seiner eigenen Praxis "Osphysio" in München. http://www.osphysio.de/